vom 25.11.2017| Hamburger Abendblatt| von Marlies Fischer

Im Momento Di gelingt es Inhaber Kethees, mit seiner Freude an ungewöhnlichen Aroma-Varianten anzustecken.

Hamburg.  Ein Küchenchef aus Sri Lanka in einem italienischen Restaurant am Harburger Hafen: Das ist eine exotische Kombination. Aber sie funktioniert seit vielen Jahren im Hamburger Süden. Dank Thiruketheeswaran Karalasingam, den alle nur „Kethees“ nennen.

 Der Mann aus Asien ist Inhaber, Chefkoch und guter Geist im Momento Di. Nach Deutschland kam er vor 34 Jahren aus dem Norden seiner Heimat. „Es herrschte dort Krieg, ich wollte studieren und eine Zukunft“, sagt der heute ­53-Jährige. Einreise über Ost-Berlin, Weiterreise in den Westen der geteilten Stadt und nach Helmstedt, schließlich genehmigtes Asyl aus politischen Gründen in Buxtehude.

Aber mit dem Studium wurde es nichts, Kethees begann als Spüler im Restaurant Marco Polo von Mario Vallio. „Der hat mich entdeckt, gefördert und in seine Familie aufgenommen. Deshalb bin ich auch in Buxtehude geblieben, wo ich heute noch lebe.“ Denn eigentlich wollte er zurück nach Sri Lanka, weil er ehrgeizig war und nicht nur Tellerwäscher sein wollte. Kethees wurde Pizzabäcker, Hilfskoch und schließlich Koch im Marco Polo. „Mario hat mir alles beigebracht und meine Liebe zum Kochen geweckt.“

Dass der Asiat am Herd in der italienischen Küche etwas konnte, sprach sich herum. Und so warben ihn die Hamburger Gastro-Legenden Alice von Skepsgardh und Hubertus Henrich für ihr Restaurant Cappuccino im Hamburger Hof ab. Es folgten das Rive am Hafen und das D.O.C. am Jungfernstieg. Zwischendurch arbeitete Kethees schon einige Monate im Momento Di als Angestellter, aber da stimmte die Chemie mit dem Betreiber nicht.

Doch das Restaurant ließ den Buxtehuder nicht los. Als er hörte, dass die Räumlichkeiten am Wasser leer standen, beriet Kethees sich mit seiner Frau und unterschrieb den Mietvertrag. „Ich kaufte das Mobiliar sowie den Namen und startete 2009 meinen eigenen Betrieb.“ Schließlich hatte er bis dahin als Koch nur gute Erfahrungen gemacht: „Mein Glück war es, dass mich die Menschen, denen ich begegnet bin, immer unterstützt und gefördert haben.“

In einem Neubau mit Blick auf den Verkehrshafen und den Lotsekanal befindet sich das Lokal. Ein großer hoher Raum mit Holzfußboden, Säulen und Fenstern zur Straße sowie zum Wasser empfängt die Gäste. Gleich links steht ein beeindruckendes Weinregal. Unter der Decke hängen runde Lampen, Versorgungsrohre sorgen für Industrial Chic. Die Gäste sitzen auf Bänken und Holzstühlen, die mit rotem Leder bezogen sind, an Holztischen. Die sind mit Tischläufern und Gläsern, Servietten und Besteck eingedeckt, außerdem fehlen weder Salz- noch Pfefferstreuer, weder Olivenöl noch dezenter Blumenschmuck. 75 Plätze hat das Lokal, 40 gibt es noch auf der Terrasse am Wasser.

An den rauen Wänden hängen große Schwarz-Weiß-Fotos, die italienische Arbeiter auf dem Feld und bei der Weinernte zeigen. Das Leben im Land, wo die Zitronen blühen, war vor 50 Jahren kein Zuckerschlecken.

Da freut man sich, dass man in der Gegenwart und in Hamburg lebt. Denn im Momento Di steht der Chef mit sichtbarem Spaß in der offenen Küche und zaubert mediterrane Kompositionen mit indischer Note. „Für mich ist Kochen eine Kunstform, und wir Köche sind im Grunde die Neuen in der Reihe der Künstler unserer Zeit.“ Kethees und seine Crew kochen alles selbst und frisch, der Chef kauft von Montag bis Freitag selbst ein und sucht sich den besten Fisch oder das passende Stück Fleisch aus.

So ist der Hirschkalbsrücken aus der Heide mürbe und zart, die Jus schmeckt nach Weihnachten, der Wirsing wird durch Speck pikant, und die Spätzle sind mit einem Hauch Orange und Curry abgeschmeckt. Ein gelungenes Herbstmahl.

Die Antipasti dagegen kann man das ganze Jahr essen. Gambas mit sehr guter selbst gemachter Aioli sowie hausgebeizter Lachs mit Frankfurter Grüne Sauce werden serviert mit Vitello tonnato, Grillgemüse sowie Büffelmozzarella mit Tomate. Alles frisch und appetitlich.

Die Karte wechselt monatlich, auf einer Tafel stehen die Tagesempfehlungen, als Mittagstisch sind jeden Tag fünf verschiedene Gerichte im Angebot. Gerade gibt es auch ein Weihnachtsmenü. Auf der Weinkarte stehen rund 40 Positionen aus Deutschland, Frankreich, Österreich und natürlich Italien. Offen kommen 0,2 Liter für 5,90 Euro ins Glas, die günstigste Flasche kostet 21 Euro.

Neun Mitarbeiter kümmern sich zusammen mit Kethees in Küche und Service um die Gäste. Mittags kommen viele Geschäftsleute aus den umliegenden Büros, am Abend lassen sich Italien-Freunde aus Harburg und Umgebung gern im Momento Di nieder. Dann kocht der Buxtehuder mit Wurzeln auf Sri Lanka auf und sorgt bei den Besuchern für diesen einen Moment, wenn Gastfreundschaft, Wohlbehagen und Zufriedenheit zusammenkommen.

Grundlage für diese Reihe ist die Liste im Internetportal unter www.restaurant-ranglisten.de. Sie wertet die wichtigsten Restaurantführe­r und deren Bewertungen aus und rechnet sie in ein Punktesystem um. Aus den 100 Restaurants, die für Hamburg am besten bewertet wurden, stellt das Hamburger Abendblatt jede Woche eines vor.