10. April 2014 | von Michael AllmaierZeit-Online

Das Momento di bietet beste italienische Küche in der Bronx von Hamburg.

Da dachte man: blöde Redensart – „Harburg, die Bronx des Nordens“. Und merkt dann: Jedes Wort ist wahr, zumindest heute Abend am Veritaskai. Das Hafengebäude, dampfende Gullys, vor dem Momento di halten zwei Yellow Cabs. Ein Motorrad-Cop rollt ihnen entgegen. Es wird gedreht für einen Werbefilm samt Model aus New York.

„Unlogisch“, befindet der Kellner, der das Spektakel verfolgt. Allerdings arbeitet er selbst an einem ziemlich unlogischen Ort. Feine Küche am Wasser – natürlich; das hat in der Stadt Tradition. Aber dies ist ja die andere Hafencity an der Süderelbe, eine noch immer zugige Ecke, trotz redlicher Sanierung. Wer in dieser Gegend lebt, noch so ein Klischee, ernährt sich vor allem von Döner.

Den gibt es nicht im Momento di. Hier kocht ein Mann, dessen Namen man sich merken sollte. Thiruketheeswaran Karalasingam, geboren in Sri Lanka, arbeitete sich in angesehenen Häusern hoch, ehe er vor sechs Jahren das Lokal mit dem Hafenblick übernahm. Scampi Saigon, Crème brûlée … die lange Karte gibt eine Ahnung von seinen diversen Stationen. Neulich waren indische Wochen. Da konnte man zu alldem noch ein knackig-scharfes Hühnercurry bestellen. Aber der Name ist schon ernst gemeint: Das Momento di versteht sich als Italiener. Bestellen wir also entsprechend.

Ein guter Test sind immer die Antipasti. Oft genug nur ein schönes Wort für das in Öl ersäufte Gemüse aus der Vitrine. Hier kommen stattdessen frisch gebratene Scampi, luftgetrockneter Schinken mit Melonenragout, Caprese aus besten Zutaten, Couscous mit Krabben. Das Carpaccio alla Cipriani (also mit Senfmayonnaise) ist in Venedig viermal so teuer, aber nicht zweimal so gut. Spaß macht auch der halbe Hummer, ein großes Exemplar mit saftigem Fleisch. Seine Zange liegt auf einem Häuflein Spaghetti all’arrabbiata. Dessen unrabiate Schärfe zwickt nicht gerade zurück. Aber nach ein paar Bissen spürt man doch, wie harmonisch die Aromen aufeinander abgestimmt worden sind. So schmeckt gute italienische Küche.

Eins muss man wissen: Dies ist kein Kerzenschein-Ristorante fürs Date. In dem früheren Speicherbau finden hundert Leute Platz. Betonsäulen und Lüftungsrohre vermitteln einen eher funktionalen Charme. Es hilft einem auch keiner aus dem Mantel oder säuselt „Signorina“. Aber wie munter geht es hier zu, selbst unter der Woche. Holländische Geschäftsleute und russische Gourmands quatschen durcheinander. Ein stämmiger Mann mit Bundesadler auf dem Jogginganzug blickt gravitätisch umher. Vom Mädelstisch hinten kommt Gekicher. Wäre doch nur so viel Leben in der HafenCity!

Das Filmteam draußen ist fertig; die Bronx wird abmontiert. Der Kellner möchte zum Abschluss einen Grappa spendieren. Gern seinen Favoriten – „Der ist hart und knallt“ –, nicht das parfümierte, überteuerte Zeug, das die Deutschen so gerne mögen. Eindeutig, der Mann ist Italiener, vermutlich der einzige hier.

Vom Chef ist gerade nichts zu sehen in der offenen Küche. Vielleicht ist er am Reeseberg, am anderen Ende von Harburg. Da eröffnet heute sein zweites Lokal, Momento di due – diesmal mit gutbürgerlicher Küche. Für die, meint der Koch, müsse man auch endlich mal etwas tun. Übrigens begann seine Karriere tatsächlich als Tellerwäscher, wenn auch nicht in der Bronx, sondern in Buxtehude. Ob er es noch zum Millionär bringt, mag offenbleiben. Aber wo, wenn nicht hier – in einem Stadtteil, der für Überraschungen gut ist?